| Einmal Shanghai und zurück |
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Sonntag, 17. November 2013
Von Bettlern, Beschäftigten und Beutegeiern
china girl, 01:40h
Nachdem Gao Ayi nicht wie erwartet letzten Sonntag bei mir erschienen war und ich meine Wohnung in einem Wutanfall selbst geputzt hatte, gab ich ihr bzw. ihrer kleinen Schwester (praktischerweise auch Gao Ayi, weil man bei der Anrede immer den Nachnamen wählt) in dieser Woche eine zweite Chance. Ich hatte ja extra für sie bereits ein Buch mit Nachrichten auf Chinesisch begonnen, wobei mir Lena, eine chinesische Bekannte, geholfen hatte. Dieses Mal kam es auch nur eingeschränkt anders als gedacht.
Nach meinem freitäglichen Chinesischkurs an der Schule, in dem ich zur absoluten Streberin avanciert bin, weil ich die Grundregeln der chinesischen Phonetik verstanden habe und das Wort shì (sein) richtig ausspreche, machte ich mich voller Vorfreude auf den Weg nach Hause. Gerade erst hatte ich das Carrefour in der Nähe der U-Bahn entdeckt und konnte mir einen Abstecher nicht verkneifen, denn ich war schon ZWEI WOCHEN lang ohne Käse auf meinem bei einem Onlineshop bestellten Brot ausgekommen. Ich hatte ja Zeit, da ich erst um vier mit Gao Ayi verabredet war und meine Wohnung an diesem Wochenende nicht selbst reinigen, sondern nur noch schnell die dreckige Wäsche vom Boden aufsammeln musste. Wohlgemut und -genährt kam ich gegen viertel nach drei in der wie immer hübschen Julu Lu an. Als ich die Treppen zu meiner Wohnung erklomm, hörte ich weibliche Stimmen im Treppenhaus, und mir kam spontan der Gedanke, dass dies Gao Ayi sein könnte. Und tatsächlich scheint es mit den chinesischen Zeitangaben manchmal wie mit dem Geburtsdatum zu sein - Gao Ayi saß auf der Treppe und hatte in der Zwischenzeit wohl bereits länger mit Jenny das Problem meines Nichterscheinens erörtert. In meiner Wohnung angekommen, überreichte ich der sehr sympatischen Frau nun mein Büchlein mit dem Brief an sie, um festzustellen, dass sie leider nicht lesen kann. (Auch meine chinesischen Freunde waren überrascht darüber, da es wohl sehr selten vorkommt, dass eine Dreißigjährige Analphabetin ist.) ![]() Nächtliche Funde in der Julu Lu Wie dem auch sei, meine Wohnung habe ich in noch keinem so sauberen und meine Kleider noch nie in einem so faltenfreien Zustand gesehen. Ich wäre so glücklich gewesen, wäre da nur nicht der für das Bügeleisen ausgestöpselte Router gewesen, der mich meines Internets und des entspannten Freitagabends beraubte, an dem ich meine Wohnung auch selbst hätte putzen können. Immerhin kam ich so in den Genuss eines chinesischen Flirtversuchs. Nachdem ein Techniker spontan meinen Anschluss in fünf Minuten repariert und eine viertel Stunde lang versucht hatte, einen Englisch sprechenden Mitarbeiter zu erreichen, um zu bestätigen, dass mein Anschluss funktionierte ("Can you confirm that your internet is working" - "Yes"), hinterließ er mir seine Nummer und über meinen Makler die Nachricht, dass ich ihn demnächst ja selbst anrufen könne, wenn ich Probleme hätte. Nun ja... Um zur eigentlichen Titelgeschichte zu kommen, stellt euch Folgendes vor: Alle Bettler in Shanghai leben eigentlich in Saus und Braus. Zum Spaß nur gehen sie tagsüber auf die Straße, um dort gutes Geld zu machen. Um die Kapitalzinsen noch zu steigern, entführen sie das eine oder andere Kind, verstümmeln es und heimsen damit mehr Mitleid und vor allem mehr Geld ein. Nachts schlafen sie dann in Himmelbetten in Fünf-Sterne-Hotels. --- Und die dummen Chinesen fallen auch noch darauf herein! Die muss doch auch einmal von offizieller Seite jemand aufklären und ihnen sagen, dass sie bitte kein Geld mehr spenden sollen! Nur gut, dass genau das hier auch gewissenhaft gemacht wird. Mit diesen märchenhaften Gedanken beschließe ich den Eintrag für diese Woche und wünsche euch ein Wochenende ohne Spülschwamm und Gewissenskonflikte! ... link (4 Kommentare) ... comment Samstag, 9. November 2013
Schlechte Luft in Shanghai
china girl, 14:49h
Dass die Luft nicht nur in einer auf ihre Außenwirkung sehr bedachten, aber sonst erstaunlich mittelmäßig organisierten Schule, sondern auch in der Stadt selbst sehr dick werden kann, zählt zu den Entdeckungen in dieser Woche, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können. Nur eingeschränkt konnte ich bisher den Sonnenschein und die behaglich-schwülen Temperaturen im Novembermonat genießen, in dem ihr bereits nur noch in Winterjacken und Handschuhen das Haus verlasst, denn der Versuch war stets begleitet von Kurzatmigkeit und Kopfschmerzen. Es verwundert daher nicht, dass vom Aufenthalt im Freien und Sport jeglicher Art abgeraten wird.
![]() Heute müssen alle drinnenbleiben Zum Glück wird sich dank Jenny (wenn alles läuft wie geplant, und das ist hier selten der Fall) ab heute eine Ayi um meine Wohnung kümmern, sodass sich wenigstens der Aufenthalt in meiner Wohnung in Zukunft angenehmer gestalten wird. Es ist schwer zu glauben, dass Gao Ayi zweimal in der Woche je zwei Stunden lang für 400 RMB monatlich (umgerechnet 50 Euro) zu mir kommen wird, und ich fühle mich wie eine kapitalistische Ausbeuterin. Vor dem Hintergrund, dass die meisten Putzfrauen vom Land kommen, keine Aufenthaltsgenehmigung (genannt hùkǒu) in Shanghai haben, ihre Kinder hier daher nicht zur Schule gehen dürfen, sie sehr arm sind und sich ihr Leben ohne mich auch nicht verbessert, komme ich mir nicht mehr ganz so furchtbar schlecht vor. --- Im Übrigen bin ich sehr neugierig auf meine Kommunikation mit Gao Ayi, denn Jenny, die eine kleine Sprachschule hier betreibt, hat es in den letzten zwei Monaten geschafft, zwei Sprachkurse für mich zu organisieren und sie dann spontan und unter Angabe von mir nicht verständlichen Gründen wieder abzusagen. Ich hoffe, dass Gao Ayi nicht auch so schlecht organisiert ist. Ihr seht, dass das Wort Organisation in diesem Land eine andere Bedeutung bekommt, denn gefragt sind Spontanität, Flexibilität und Geduld. Und natürlich der Optimismus, dass schon alles klappen wird! Das hoffe ich auch für euch und sende euch meine besten Wünsche für eine weniger vernebelte Woche. Zhù nǐ hǎo yùn! ... link (3 Kommentare) ... comment Samstag, 2. November 2013
Business class trip to Moganshan
china girl, 15:42h
![]() Hallo liebe Freunde und Kenner meines Shanghaiblogs, diese Woche möchte ich euch zu Beginn meines Eintrags in eure eigene Vergangenheit zurückführen. Sicher erinnert ihr euch noch an die eine oder andere Klassenfahrt während eurer Schulzeit. Aber habt ihr damals je einen Ausflug unternommen, auf dem ihr statt in einem Sechsbettzimmer einer billigen Jugendherberge in einem Himmelbett eines Fünf-Sterne-Hotels übernachtet habt? Nein? Habt ihr auch schon in der sechsten Klasse "Wahrheit oder Pflicht" gespielt und, da ihr eure Geheimnisse nicht der halben Schulklasse mitteilen wolltet, alle Mitspieler aus ihrem Froschstadium herausgeküsst? Wieder nein? Wie wäre es dann damit: Erinnert ihr euch statt an Zehn-Gänge-Menüs an exotisches Jugendherbergsessen, bestehend aus bis zur Klebrigkeit weichgekochten Nudeln in Gourmet-Ölsoße, die ihr nach einer 20 km weiten Wanderung hungrig und glücklich verschlangt? Ja? Dann dürftet ihr euch wohl kaum vorstellen können, was ich auf der diesjährigen Fahrt mit den Sechstklässlern erleben sollte. Hier nun das Reiseprogramm für euch in Kürzestform: Auf dem ersten Stopp unseres Ausflugs, in den nebligen Bambuswäldern von Moganshan, verfielen wir zunächst der Schönheit der chinesischen Natur. Dabei wandelten wir, seit Huangshan völlig unerwartet, auf Waldpfaden und blieben vom chinesischen Touristenbetrieb weitgehend verschont. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie idyllisch ein Urlaub in diesen Bergen gewesen wäre, ganz ohne die 23 lärmenden und sich rangelnden Kinder. ![]() Der Ausblick aus dem Restaurant des Drei-Sterne-Hotels Bei der Wanderung durch die Bambuswälder erwartete mich neben der Notfallbehandlung einzelner Blasen an schlecht bekleideten Füßen und so manch abtrünniger Kinderphantasie auch das für Touristen anschaulich gemachte Dorfleben in China (s. Bilderordner). Im Dorf angekommen, wurden wir von einer Bauernfamilie mit zwölf köstlichen Gerichten herzlich empfangen, durften wir ihre Beete jäten und Klebreisrollen herstellen. Leider konnte sich unser Gastgeber nicht erklären, weshalb von dem Festmahl an jedem Tisch dann umgerechnet nur ein Gericht (und von diesem wiederum die Hälfte von den Lehrern) verzehrt wurde, denn sie waren mit dem Feinschmeckergaumen deutscher Kinder noch nicht vertraut. Auch mit unserer Leistung bei der Herstellung des Klebreises, bei der Reis zu Brei zerkocht und in einem Steinbottich mit einem großen Hammer so lange geschlagen wird, bis er abgekühlt ist, war die Familie nicht ganz zufrieden. Nachdem unser Produkt entsorgt war, übernahmen drei Männer die Arbeit der Kinder, sodass wir am Ende dann doch die leicht salzige, sonst aber geschmacklose Reisspezialität noch probieren konnten. Wenigstens mit unserem Arbeitseifer konnten wir dem chinesischen Gastgeber viel Freude bereiten. ![]() Auch hier wird es langsam richtig herbstlich Ein kleiner Exkurs am Rande: Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass das Leben als Vegetarier in China wirklich schwer sein muss. Abgesehen davon, dass Fleisch hier meist billiger ist als Gemüse, oder vielleicht gerade deshalb, findet sich an fast ausnahmslos jedem Tellerpflänzchen auch ein kleines Stückchen Tier. Was für Liebhaber tierischer Produkte ein Traum, wird für den bewussten Esser zur Diätkur. So für meine Kollegin, die von zwölf Gerichten höchstens zwei probieren konnte. Glücklicherweise gehöre ich zur ersten Gruppe und freue ich mich über die vielen Gemüsevariationen, die hier auf den Tisch gezaubert werden! ![]() Bauer beim Reisrechen auf dem Hof seines Hauses Aber zurück zur Klassenfahrt. Mit nur einem kleineren, die Reisefirma 100 Euro kostenden Unfall und damit weniger Zwischenfällen als von manchen Schülern antizipiert, denn die Wege von Moganshan sind eher eng für einen großen Reisebus, der sich vor jeder Kurve hupend ankündigen muss, gelangten wir zurück in die touristische Zivilisation. Im Herzen von Wuzhens Weststadt, das ihr schon von meiner Kollegiumsfahrt her kennt, wurde ich das erste Mal Zeuge von der Attraktion europäische Schulklasse: Bei den Workshops, in Restaurants und auf der Straße, immer wieder standen die kleinen Stars im Blitzlichtgewitter, konnten sich mit ihrer Rolle allerdings nicht recht anfreunden. Hier die noch harmlose Variante des chinesischen Voyeurismus': ![]() Faszinierte chinesische Touristen, ausnahmsweise ohne Kamera Gefragt nach dem Highlight der Klassenfahrt, antworteten die Schüler trotz aufwendig organisierter Töpfer-, Batik- und Scherenschnittworkshops einstimmig mit der Halloweenparty. Insgeheim stellte diese die Lehrkräfte, die zwar mit der hessischen Fastnacht aus ihrer Kindheit vertraut sind, Monstermasken und Kunstblut aber nur aus dem Fernsehen kennen, vor besondere Herausforderungen. Nach einer zeitaufwendigen, aber wenig erfolgreichen Suche nach einem roten Lippenstift unter zehn Euro gelang es der einen Lehrkraft immerhin, innerhalb von zehn Minuten ein Ganzkörperkostüm zusammen zu schustern, das die Schülerschaft, deren Verkleidung in liebevoller Handarbeit von so mancher Mutter extra für die Party angefertigt worden war, in ihrer Rezeption spaltete: Manche fragten offen, was denn konkret dargestellt werden solle, andere dagegen sprachen überschwängliche Komplimente aus. Ich bin gespannt, welcher Seite ihr euch wohl zuordnen werdet, und präsentiere euch aufgeregt mein Kostüm: ![]() **************** Wer und was bin ich? **************** Trotz all der fantastischen Orte und Menschen, die wir auf der Klassenfahrt kennenlernen durften, muss ich sagen, schön, wenn auch nicht so exotisch-luxuriös, war es bei uns damals auch! Denn war es in Sechs-Bett- nicht sehr viel lustiger als in Doppelzimmern, in denen selbst die am sorgfältigsten geplante Party wegen eines Klopfens an der Zimmertür aufgedeckt werden kann? Und zum Schluss hätten sich unsere Eltern sicher nicht von den Lehrern mit den Worten, "Der Urlaub sei Ihnen auch gegönnt gewesen!", verabschiedet. Am Ende möchte ich meinen Blogeintrag nicht mit meinen eigenen, sondern den bescheidenen Worten der perfekt organisierten und sehr geduldigen chinesischen Reiseleiterin Ara, die laut eigener Aussage Kinder eigentlich nicht so mag, beschließen: "I love you all! And I wish you the best for the rest of your lives!" ... link (3 Kommentare) ... comment ... older stories
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Online seit 4513 Tagen
Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06 status
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Mit Nadeln und Moxa bei Dr. Wang by china girl (2015.08.12, 02:06) Haha, auf den ersten...
… hab ich "für uns Wrestler" gelesen :)... by doctor wong (2015.07.17, 03:47) Man soll Abschiede so...
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Seid gegrüßt, ihr treuen Leser meines vernachlässigten... by china girl (2015.07.16, 16:00) |
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