| Einmal Shanghai und zurück |
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Mittwoch, 14. Mai 2014
Traumhaft Buntes, Hohes und Leckeres in der südchinesischen Provinz Yunnan
china girl, 22:00h
Seid gegrüßt, liebe Chinafreunde,
wieder einmal melde ich mich zurück mit einem Reisebericht der besonderen Art, denn in diesen Osterferien durften Vincent und ich auf Rucksacktour durch den schönen Yunnan im Süden Chinas gehen, der die meisten Minoritätengruppen hier beheimatet. Dabei ließen wir uns, wie es sich für abenteuerliche Backpacker gehört, eher mehr als weniger vom Zufall leiten. Insgesamt legten wir auf unserer Reise dann unerwartete 1300 km zurück und konnten wir etwa 25 Stunden lang den abwechslungsreichen Ausblick von unseren Busplätzen aus bewundern. ![]() Reise von Zentralyunnan nach Norden: Kunming - Dali - Lijiang - Tigersprungschlucht - Shangri-La, Rückreise: Shangri-La - Baisha (Dorf bei Lijiang) - Kunming Ihr werdet nicht sonderlich erstaunt sein zu erfahren, dass der Auftakt nicht ganz so harmonisch verlief wie erwartet - kommen wir also zu Zufall Nummer eins. Zwar wurde ich ganz im Sinne der chinesischen Servicekultur sechs Wochen im Voraus telefonisch davon unterrichtet, dass unser Flugzeug fünf Minuten später abfliegen würde als geplant, dass wir dann aber tatsächlich acht Stunden darauf warten müssten, darüber hat uns vor und während der Wartezeit niemand so recht informiert. Denken konnten wir uns das spätestens dann, als wir mit dem Bus vom Shanghaier Flughafen in ein in halbstündiger Entfernung gelegenes Hotel abtransportiert wurden und dort ein Zimmer zugeteilt bekamen. Zum Glück war dieser Start schnell vergessen, als wir abends in der Provinzhauptstadt Kunming landeten und müde ins Bett des chinesischsten aller unserer Hotels fielen, spätestens aber dann, als wir am nächsten Morgen das für meinen Geschmack einfach tolle chinesische Frühstück mit Nudelsuppe, Baozi (Hefeklößen mit Fleisch oder Gemüse), Gemüsereis, Eiern und Obst genossen. Bald danach schon waren wir mit dem Bus wieder unterwegs ins beschauliche Dali, und die nächsten Überraschungen ließen selbstverständlich nicht lange auf sich warten. ![]() Karaoke, hier als KTV bekannt, gibts auch in Dali Unseren Reisegewohnheiten kam es sehr entgegen, dass man sämtliche Busfahrkarten frühestens eine Stunde vor Abfahrt erst erstehen konnte. Insgeheim war ich sehr erheitert darüber, dass sich der vor Kurzem begonnene Chinesischkurs am Schalter gleich auszahlte, denn ich erstand tatsächlich Tickets für den richtigen Bus, und als uns zwei Touristen herzlich begrüßten und hinter uns Platz nahmen, war ich nicht nur überzeugt von den Chinesischkompetenzen der Menschen im Yunnan, sondern auch von ihrer Freundlichkeit. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass es sich bei einer von den beiden Touristen um eine Kollegin aus dem Kindergarten handelte, die ich schlicht nicht erkannt hatte. Glücklicherweise interpretierte ich es auch am Abend dann nicht als schlechtes Omen, dass uns auf einer Straße in Dali der stellvertretende Schulleiter und seine Frau entgegenkamen, denn damit hatten wir die zufälligen Treffen mit Schulbekanntschaften in diesem Urlaub hinter uns gebracht. Wir befanden uns einfach auf einer unter chinesischen wie westlichen Chinatouristen sehr beliebten und klassischen Reiseroute, sodass Begegnungen mit anderen Lehrkräften vorprogrammiert, wenn auch nicht vorgesehen waren. ![]() Stand auf dem wirklich riesigen Markt zu Fuße des Cangshan-Berges von Dali Zunächst ließen wir es uns also im zwar touristischen, aber wirklich schönen Dali gefallen, in dem wir dank des Tipps von Bianca, meiner Kollegin, nicht ganz so zufällig ein traumhaftes, im Stil der Bai-Minorität gehaltenes Hostel bewohnten. Zwar gehörte die Wanderung am Cangshan, bei der die Suche nach der Seilbahn länger dauerte als die Bewältigung des gepflasterten Weges selbst, nicht zu den Höhepunkten dieses Urlaubs, aber es ist doch immer besser, klein anzufangen. Trotz meiner anfänglichen Vorbehalte, vor allem die fehlende Rücktrittbremse betreffend, war ich auf unserer Radtour zum Erhai-See schnell bezaubert von der die Stadt umgebenden Landschaft und den niedlichen Dörfern. Schließlich konnte uns nach dem Bergspaziergang und dem reichlich guten, aber wie im Yunnan üblich sehr öligen Essen auch ein bisschen Sport nicht schaden. ![]() Um einen besseren Eindruck von der Umgebung Dalis zu bekommen, sei euch ein Blick in den Bildordner empfohlen Zu einem von Vincents Lieblingsplätzen in Dali gehörte sicherlich der Platz vor dem Filmmuseum der Stadt, auf dem jeden Abend ein Film gezeigt wurde, zu welchem Anlass sich die Einheimischen es sich dort auf kleinen Sitzbänken gemütlich machten. Zu meinem Leidwesen war Vincent trotz uns um die Ohren wehender Plastiktüten (nach Umweltschutz steht dem Chinesen wohl selbst in Urlaubsregionen nicht der Sinn) nur schwer dazu zu bewegen, den chinesischen Kriegsfilm, der mit winzigen englischen Untertiteln gezeigt wurde, nicht bis zum bitteren Ende anzusehen. Vor Einbruch der Dunkelheit wurde auf dem Platz natürlich getanzt - wie in Shanghai auch von weiblichen, wenn auch nicht durchweg begabten Akteuren. ![]() Platz vor dem Filmmuseum in Dali Viel zu schnell befanden wir uns wieder auf der Weiterreise, dieses Mal organisiert von dem sehr charmanten Hostelpersonal. Auf der Fahrt lernten wir glücklicherweise Lucy und Rob kennen, die uns in Lijiang ein Stück des Weges mitnahmen und einen Ortskundigen organisierten, der uns den sehr komplizierten, weil durch etliche enge Gassen führenden Weg wies. Überraschenderweise waren wir sehr schnell genervt von der eigentlich sehr beschaulichen Altstadt Lijiangs, von der so viele Chinesen als der Stadt der Liebe schwärmen, denn nicht nur, dass unser Hostel eine einzige Baustelle (mit sehr freundlichem Personal) war, man kam sich überall vor wie in einem Vergnügungspark für Touristen. Die vielen kleinen Läden boten bei immer gleicher musikalischer Untermalung alle dieselben Waren an. Kaum wog man sich des einen chinesischen Liedes entkommen, hörte man es drei Häuser weiter direkt wieder, vermischt mit der Trommelei, der man auch eine Ecke zuvor gerade entflohen war. Da half dann auch die inszeniert traditionelle Tanzeinlage auf dem Hauptplatz der Stadt nicht mehr, wohl aber das Bier mit unseren beiden Helfern beim abendlichen Essen. Zum Glück waren meine Chinesischkenntnisse noch nicht so weit fortgeschritten, dass ich die in unserem Reiseführer beschriebenen Schilder vor den Restaurants, die japanischen Reisenden angeblich den Zutritt verbieten, um mehr chinesische Touristen anzulocken, hätte lesen können, und so hatte der viel zu spät begonnene Chinesischkurs doch sein Gutes. ![]() Unterhaltungsprogramm für Touristen in Lijiang Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass wir diesem Trubel wenig nachtrauerten, als wir uns nach einem Tag wieder im Bus befanden, dieses Mal auf dem Weg zur Tigersprungschlucht, die in zweistündiger Entfernung von Lijiang liegt. Ein wenig bange war mir schon zu Mute vor der Wanderung durch die Gebirgskette, von der eine Freundin aus der Schule mir schon berichtet hatte. Schließlich hatten wir uns vorgenommen, nicht wie die allermeisten chinesischen Touristen den geteerten Weg durchs Tal zu nehmen, sondern den höher gelegenen Wanderweg, für dessen Bewältigung etwa 8 bis 10 Stunden veranschlagt wurden. Ich finde aber, ich verbarg meine Bedenken recht erfolgreich. ![]() Hoch motivierte Wanderer - nur einer mit Rucksack Nur von Glück kann ich sagen, dass Vincent so sportlich ist und den Rucksack für mich durch die komplette Schlucht hindurch trug, denn andernfalls wäre dieses Vorhaben sicher zum Scheitern verdammt gewesen. So zweifelte ich nur zwei Mal ernsthaft an mir, beim Besteigen der "28", als mir der Schweiß trotz Schleichgeschwindigkeit in meinen Sonnenschutz zu tropfen begann, und als wir auf dem Weg einer einsamen chinesischen Wanderin begegneten, die die Tour leichtfüßig mit einer Plastiktüte in der Hand und in Sandalen bewältigte. Erfreulicherweise lenkte mich das Gespräch mit ihr so sehr von meinen Zweifeln ab, dass ich dann von mir fast unbemerkt das "Half-Way" erreichte, das nicht wirklich auf halber Strecke lag, aber uns eine Schlafgelegenheit mit ungewöhnlichem Ausblick bot. ![]() Ausblick von der Terrasse unseres Hostels in der Tigersprungschlucht Bis hierher war unsere Reiseroute zumindest mir recht klar gewesen, ein Unsicherheitsfaktor stellte nun die Weiterfahrt nach Shangri-La (ursprünglich Zhongdian) dar. Ich hatte sehr unterschiedliche Meinungen zu dieser nach einem Roman James Hiltons benannten Stadt im Norden Yunnans gehört, und dass die Altstadt zu Beginn des Jahres zu 70% abgebrannt war, klang nicht gerade vielversprechend. Nichtsdestotrotz saßen wir bald im Bus Richtung Norden, bereit dazu, uns ein weiteres Mal einfach überraschen zu lassen. Der tibetanische Flair der Gegend um Shangri-La, der in der Tat etwas Mystisches, wenn auch wenig Utopisches hatte, vermochte es schließlich schnell, uns unsere Vorurteile zu nehmen. Selbst die uns überraschende Kälte konnte dem nichts anhaben, wie paradiesisch schön es war, nach dem Aufwachen in unserem Hostel auf dem Land über die weite Steppe zu blicken und den Yaks beim Grasen zuzusehen. Trotz der Höhe der Stadt auf über 3000 Metern über dem Meeresspiegel trauten wir uns, im Gegensatz zu manch anderer Familie aus meiner Schule, dann sogar ohne Gasmasken aus dem Haus, obgleich es ungemein schwerer fiel, die vielen Treppen des größten Klosters in Shangri-La zu erklimmen. Natürlich wurde unsere Mühe aber reichlich entlohnt. ![]() Das Sumtsaling-Kloster in Shangri-La Von unserer Rückreise ist relativ schnell berichtet. Mit Bus und Nachtzug, einen Abstecher in das beschauliche Dorf Baisha bei Lijiang machend, kehrten wir zwei Tage später wieder in die Hauptstadt Kunming zurück. Dort endete die Reise, wie sie begonnen hatte, zufällig im Zimmer 409 mit einem deftigen chinesischen Frühstück. Zwar stellte uns die Frühlingsstadt zum Schluss noch einmal gehörig auf die Probe, indem sie Vincents heiß ersehnten Ausflug in den Steinwald Shilin wahrhaft in die Fluten stürzen ließ, konnte dann aber mit Hilfe ihrer Märkte, Seen und unglaublich netten Einwohner, deren mangelnder Orientierungssinn mich zu diesem Zeitpunkt der Reise nicht mehr überraschen konnte, wieder Frieden zwischen den Reisenden stiften. ![]() Ein einsames Yak in Baisha nahe Lijiang Auch wenn es trotz fleißig gepaukten Reisevokabulars nicht immer ganz einfach gewesen war, den einen oder anderen Bus ausfindig zu machen (die Antworten konnte ich schließlich nicht vorab auswendig lernen), bestiegen Vincent und ich am Ende pünktlich unseren Flieger gen Shanghai, stolz und glücklich, eine solch entfernte Region der Erde ohne Reiseführer erkundet zu haben. Meine nächste Expedition wird mich erst einmal wieder zurück in die Heimat führen, und ich freue mich schon jetzt riesig darauf, euch alle bald wieder mit einem wenig exotischen "Hallo" begrüßen zu dürfen! ... comment |
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Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06 status
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