Einmal Shanghai und zurück
Samstag, 5. April 2014
Wie viele Jings braucht ein Land?
Nǐmenhǎo wàiguórén,
obwohl ich in der Zwischenzeit ganz aus der Übung gekommen bin, sehe ich ein, dass es langsam nötig ist, mich einmal wieder in einer Zusammenfassung meiner Erlebnisse zu versuchen. Selbstverständlich habe ich an euch gedacht und während des Besuchs von Hanna einiges an Material für euch gesammelt, sodass ihr mir nur verzeihen müsst, dass ich aus Gründen der Ökonomie einige Geschichten aussparen und nicht erläutern werde, wie ich am selben Abend meine Rippen prellte und mein Handy verlor oder wir trotz schlechter Planung und geringer Sprachkenntnisse einen Bus in die beschauliche Wasserstadt Tongli nahmen, ungeachtet des Staus pünktlich ankamen und die Abfahrtsstelle des Busses am Abend wiederfanden, obwohl der Fernbahnhof Tonglis nicht an dem Ort war, an dem die Fahrgäste tatsächlich wieder eingesammelt wurden. Viel interessanter erscheint es mir, euch heute ein paar wertvolle Tipps für euren zu planenden Ausflug nach Peking mitzugeben, die ihr so in keinem Reiseführer entdecken werdet. Vielleicht findet ihr dabei ja auch heraus, wofür ich das Wort "Jing" in diesem Eintrag (fast) zweckentfremdet habe.


Der erste Hinweis auf des Rätsels Lösung

Zunächst einmal solltet ihr euch vor Reiseantritt darauf einstellen, dass in einem Land, in dem alle so schlecht organisiert erscheinen, doch erstaunlich viel Organisationstalent vorausgesetzt wird. Bitte bucht eure Zugfahrkarte also rechtzeitig, auch wenn online noch viele Tickets verfügbar sein sollten. Dazu benötigt ihr: gute Recherchekenntnisse, ein funktionierendes Übersetzungsprogramm (solltet ihr keine Schriftzeichen lesen können, und hey, ich kenne euch doch), eure Reisepässe, denn schließlich sollte euer Aufenthaltsort stets bekannt sein, und ein wenig Geduld im Reisebüro. Sollte euch dies alles zu anstrengend sein oder ihr doch so manches Dokument im relevanten Moment vergessen haben, sei euch geraten, die Konsequenzen würdevoll zu tragen, die wären: lange Warteschlangen, in denen ihr eure Körpermasse den Überholmanövern der Zeitgenossen entgegenstemmen müsst, ein späterer und langsamerer Zug, eine halbstündige Taxischlange (in Shanghai wenigstens mit Unterhaltungsprogramm wie flüchtenden Taximittelsmännern und kleineren Rangeleien um die Plätze) sowie falsch ausgestellte Zugfahrkarten, die euch in eurer Planung zeitlich zurückschlagen, wiederum Verhandlungen mit dem Servicepersonal nötig machen, dieses Mal aber im unabdingbaren Aufregungsmodus, und wieder Taxischlangen zur Folge haben könnten. Aber keine Sorge, auch wenn ihr viele Hindernisse überwinden müsst, werdet ihr schon an eurem Ziel ankommen.


Und der zweite

Als nächstes sei euch angeraten, euch nicht von den verschiedenen Warnungen eurer Kollegen oder der Nachrichtenerstattung in den Medien verunsichern zu lassen. Ja, es gibt Peking mit ein wenig Glück auch ohne Smog, dafür dann mit einer Extraportion Charme. Solltet ihr aufgrund mangelhafter Vorbereitung nur einen Tag Zeit haben, empfehle ich euch das Folgende: Wandelt ohne Vorurteile durch die beschaulichen Gassen der Pekinger Altstadt, genießt die in den Straßenküchen gegen ein wenig Chinesisch erhältlichen Snacks und Komplimente, lasst euch von der Hippheit der Jungen beeindrucken, kauft euch keine ihrer Schlangen oder Spinnen, genehmigt euch auf der Dachterrasse eines der vielen niedlichen Cafés ein koffeinhaltiges Getränk, bewundert die traditionellen Hutong-Häuser und unzähligen öffentlichen Toiletten ohne Privatsphäre und schließlich die eine oder andere barocke Musikeinlage der Einheimischen in einer der vielen Bars. Am besten schließt ihr bei einem Wochenendausflug die bekannteren Sehenswürdigkeiten von vornherein aus, sich an einem Sonntagmittag auf den Platz des Himmlischen Friedens wagen zu wollen, ist sicherlich ein Anfängerfehler. Verschwendet auch nicht eure Zeit damit, euch dem Zauber der Altstadt zu entwinden, um die Neustadt zu erkunden. Vielleicht braucht ihr sie noch, um ein Taxi zu finden oder am Bahnhof unter Einsatz sämtlicher emotionaler Kräfte die für den falschen Zug ausgestellte Fahrkarte umzutauschen.


Ist noch mehr Hilfe nötig?

Vielleicht solltet ihr wissen, dass die Stadt Peking ihren Namen gleich mehreren Schöpfern verdankt, denn eigentlich meint Beijing nur "nördliche Hauptstadt". Nicht nur, dass die Stadt je nach Herrscher über die Jahrhunderte hinweg ihren Namen öfter wechselte als ich (hoffentlich) mein Handy, so hieß sie auch einmal wie die gleichnamige Stadt im Osten Chinas "Nanjing" (südliche Hauptstadt). Sicher ist, dass in einem Land, in dem regelmäßig Kaiser und Regime gestürzt wurden und sich die Grenzen stets verschoben, es keine so gute Idee war, die Hauptstadt nach ihrer jeweiligen geografischen Lage zu benennen. Ebenso wenig ist es wirklich ein Ausdruck davon, wie polyglott ihr seid, wenn ihr, das Deutsche um einen weiteren Begriff beraubend, "Peking" durch "Beijing" ersetzt. Warum denn? Hier sagen sie ja auch weiterhin Bólín [地] zu unserer Jing.


Hier ist sie!

Dringend sei euch noch geraten, euch vorab ein paar grundlegende Sprachkenntnisse anzueignen, damit ihr auch wirklich einen Kaffee oder eine leckere Pekingente (Běijīng kǎoyā) bestellen könnt. Aber tröstet euch, auch chinesische Reisende müssen ja ihr Englisch ein wenig aufpolieren, wenn sie nach Deutschland kommen, und glaubt mir, das fällt ihnen nicht immer ganz leicht, denn sie haben eben solche Probleme mit der Aussprache wie ihr und sind mindestens genauso schüchtern. Geben wir es doch ruhig zu, ganz so polyglott sind wir alle noch nicht.

Viel Spaß bei der Urlaubsplanung wünscht euch nun eure etwas überarbeitete Reiseführerin.

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