Einmal Shanghai und zurück
Freitag, 6. Dezember 2013
Der Moloch
Allzu ängstliche Seelen unter euch möchte ich vorwarnen, denn mein Eintrag diese Woche wird sich nicht mit den schönen Seiten des Lebens in China befassen und ist vielmehr als Ablenkungsmanöver zu verstehen, mit dem Sinn, mich davon abzuhalten, in helle Panik auszubrechen. Ich beginne mit einer kleinen Messung der Luftwerte am heutigen Tag:

Smogwerte am Freitag - schönes Wochenende!

In Shanghai ist die Schadstoffbelastung angeblich so hoch, weil in der östlichen Region Chinas viele Kohlekraftwerke stehen, deren Emissionen durch ungünstige Luftdrucklagen und bei wenig Wind dann über Shanghai und Umgebung hängen bleiben. Interessant sind auch Vergleichswerte aus der Schule: Sport darf bei uns schon ab einem Wert von 150 nicht mehr gemacht werden, denn das Atmen fällt schwerer. Der heutige Zustand gleicht meiner Vorstellung von einer apokalyptischen Zukunftsversion.

Cosy Friday

Das mit der Ablenkung hat so natürlich nicht geklappt, und ich habe mich nun, die vielen Internetseiten über Gesundheitsrisiken bei Smogalarm schließend, ins Schlafzimmer meiner Wohnung zurückgezogen, mich mit dem Gedanken tragend, heute das Haus einfach nicht mehr zu verlassen und die Party bei einer meiner netten Kolleginnen abzusagen. Wie kontraproduktiv.

Ich hoffe, in Zukunft nicht so oft solche Artikel schreiben zu müssen, und wünsche euch ein entspanntes Wochenende mit viel frischer Luft!

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Liebe Kristin,

das ist ja alarmierend! Bist Du tatsächlich daheim geblieben, oder hast Du Dir am Ende doch noch einen Schal vors Gesicht gebunden und hast den Gang nach draußen gewagt?

In Berlin sieht es übrigens ähnlich aus, allerdings nicht wegen Smog, sondern weil der November sich etwas verspätet doch noch meldet UND weil wir gestern mit dem Orkantief (oder so ähnlich) Xaver geschlagen wurden. Kinder mussten nicht mehr in die Schule, Weihnachtsmärkte wurden abgesagt, Flüge fanden nicht mehr statt, und in großer Berliner Tradition hat sich die S-Bahn natürlich auch direkt mal dem allgemeinen Chaos angeschlossen. Dabei war es hier eigentlich nicht besonders schlimm. Also, geweht hat es ordentlich, ein bisschen Schnee kam auch runter, aber der allgemeine Alarmismus scheint mir trotzdem grob übertrieben gewesen zu sein. Aber rauszugehen stand für mich gestern auch gar nicht erst zur Diskussion! In vager Hoffnung hatte ich auch gestern morgen nach all den Radiowarnungen in meiner Schule angerufen und nachgefragt, ob der Unterricht überhaupt stattfindet - und wurde ausgelacht von unserer Schulsekretärin, die meinte, wenn sie es von JWD geschafft hat, würde ich das aus Schöneberg auch hinkriegen. Tja, warn Versuch wert.

Weiterhin kann ich berichten, diese Woche meinen ersten Kontakt mit dem Jobcenter gehabt zu haben, und dass es gar nicht so schlimm war wie ich gefürchtet hatte. Natürlich bin ich noch weit davon entfernt, tatsächlich irgendeine Form von Leistung zu erhalten, NATÜRLICH. Obwohl ich einen ganzen Aktenordner mit Unterlagen dabei hatte, nur für den Fall dass sie noch irgendetwas haben wollen, was ich noch nicht kopiert hatte. Tja. Hat trotzdem nicht gereicht, aber das war nicht meine Schuld. Die 30 Seiten Antrag hatte ich auch im Schweiße meines Angesichts komplett ausfüllen können - was ich mich frage ist, wie andere Leute, die z.B. keine deutschen Muttersprachler sind, das eigentlich machen. ICH saß da an einigen Stellen und kratzte mich am Kopf und dachte häh? Und das als Muttersprachler mit juristischen Kenntnissen. Nun, wir werden sehen, wieviele Monate ich brauche, bis ich in den Genuss von Hartz IV komme. Ich plane einen Erlebnisbericht in Buchform, quasi als Günther Wallraff der Neuzeit.

Tausend liebe Wünsche und einen schönen zweiten Advent wünsch ich Dir!!!
sandra

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Was Du brauchst ist eine Atemmaske Kristin! Ganz im Ernst, ich würde mir sowas zulegen. Oder Feinstaubmaske oder wie man das nennt. Diese weißen Teile. Die haben auch viele Asiaten in New York getragen an so Smog-Tagen; ich dachte, na die kennen sich damit aus. Die kann man doch bestimmt im Internet bestellen. Viele Grüße und ich hoffe wirklich, das ist nicht allzu schädlich. Vorerst zu Hause bleiben ist vielleicht keine schlechte Idee. Ihr braucht so einen Sturm wie wir ihn die letzten Tage hatten. So musst Du die ganze für unsere iPhones, Computer und Plastikspielzeug verbrannte Kohle einatmen :( Halte durch! Deine Karoline

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Schon gemacht! Natürlich habe ich bei der gestrigen Internetrecherche auch einen Onlineshop gefunden, bei dem man Atemmasken zumindest vorbestellen kann, denn ausverkauft sind sie zurzeit allemal. Nur schwer konnte ich den Impuls unterdrücken, auch gleich einen sündhaft teuren Luftreiniger anzufordern, denn das würde bei der Dichte meiner Fenster bedeuten, dass ich zugleich die Luft der ganzen Innenstadt mit in Angriff nähme. Schade eigentlich.

Die Wirksamkeit dieser Masken ist natürlich auch umstritten, da sie angeblich die kleinsten und schlimmsten Partikel nicht herausfiltern. Interessanterweise tragen hier recht wenige Menschen diese Masken, vielleicht einer von zehn, und es kann nicht nur an der Verfügbarkeit liegen. Vor dem Hintergrund aber, dass mein Taxifahrer gestern Abend alle Fenster aufgerissen hatte und sich nach meinem Aussteigen eine Zigarette anzündete, wundert mich nicht mehr so viel.

Ja, ich war also doch noch auf der Party, auf der auch alle Fenster sperrangelweit offen standen. Sehr lustig war es trotz schlechter Luft, denn Urte, die humorvollste Lehrerkollegin, die ich je hatte, und ich haben einen neuen Tanz erfunden, den Hide Dance, bei dem es darum geht, möglichst lächerliche Tanzbewegungen zu machen, ohne dass die Kollegen etwas zum Tratschen bekämen. So lässt sich das hier dann doch noch aushalten.

Ich hoffe, Xaver hat sich zurückgehalten und euer Wochenende nicht verwüstet! Bis bald!

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Liebe Kristin,
das Foto der smogvernebelten Stadt sieht ganz schaurig aus und erinnert wirklich an eine after-crisis-situation. Mich hätte nicht verwundert, ein oder zwei Zombis durchs Bild kriechen zu sehen. Wird bei hohen Smogwerten eigentlich die Schule ausgesetzt oder müsst ihr dann trotzdem vor die Tür?Bei uns gab es Freitag einen starken Sturm und die Kinder durften selbst entscheiden, ob sie kommen oder nicht. Das war echt schön mit so wenig Schülern. Gibt es eigentlich in China wegen des ständigen Smogs auch Sauerstoff"shops", so wie hier Solarien? Ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, dass man sich so spamäßig mit Sauerstoff aufpumpen kann. Stimmt das? Liebe Grüße aus dem tristen Berlin und einen schönen zweiten Advent für dich!

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Ja, und es bleibt schaurig. Als die Werte heute wieder über 400 lagen, habe ich mir als psychologische Hilfe dann doch für umgerechnet 700 Euro einen Luftreiniger für die Wohnung besorgt. Dabei konnte ich feststellen, dass die Werte in meinen vier Wänden noch besser sind als erwartet! Trotzdem, der EU-Durchschnitt des AQIs liegt wohl bei etwa 20 oder etwas weniger, "gesund" ist es bis 35.

Meine psychologische Stuetze

Die Befragung der anderen Kollegen hat ergeben, dass die Werte wohl noch nie so schlecht waren wie in diesem Jahr. Im letzten war das Maximum 200. Warum sich die Feinstaubpartikel in der Luft mehr als verdoppelt haben, ist nicht so einfach zu beantworten. (Meine Recherchen ergaben eine Mischung aus erhöhtem Stromverbrauch gegen Beginn der Winterzeit, was die Kohlekraftwerke antreibt, Nebel, Verbrennen von Ernteüberresten in ländlichen Regionen, wenig Wind aus der falschen Richtung). Jedenfalls sind alle angeschlagen und selbst der Schulleiter war heute abwesend. Der Vorstand hat natürlich prompt reagiert: Ab einem AQI von 400 (!!!) dürfen die Eltern in Zukunft selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken wollen. Die Lehrer haben keine andere Wahl, als sich krank zu melden. Das ist und bleibt eine Zumutung: Heute kam nicht nur auf dem Weg zur Schule, sondern auch dort bei mir Endzeitstimmung auf, als ich die Nebelschwaden in den Klassenräumen und der Mensa sah. Wenn es diese Sauerstoffstuben tatsächlich gäbe, wäre ich ab morgen erst einmal für eine ganze Weile untergetaucht.

Um deine Frage in der Mail zu beantworten: Eigentlich ging es mir hier die ganze Zeit sehr gut und ich fand alles sehr aufregend. Seit letztem Freitag frage ich mich aber, warum ich mir diesen Psychoterror im Moment eigentlich antue. Sicherlich, um demnächst die gute Luft in Deutschland in vollen Zügen genießen zu können ;-)

Viele Grüße aus den Nebelschwaden!

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Umbenennung Stadtname
Hallo Kristin, bezüglich der Luftverschmutzung sollte man an einen neuen Namen fürShanghai denken. Wie wäre es mit Smokiehai. Vielleicht würde das das Umweltbewustsein der Chinesen etwas zum Positiven verändern. Mal ehrlich, wer würde sich denn so etwas antun, wenn man Alternativen dazu hätte. Dein Raumluftcleaner sieht ja recht gut aus, nur verstärkt er wohl eher durch den Energieverbrauch die allgemeine Misere in Shanghai. Aber von all dem Gerede wird die Situation nicht besser. Habe von Mutti gehört, dass sich die Lage auch wieder etwas entspannt haben soll. Dann bleibt mir nur noch statt eines Trinkspruchs Dich mit meiner neuen Kreation "Good Breath" zu erheitern. Dein Papa

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Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06
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