Einmal Shanghai und zurück
Donnerstag, 8. Januar 2015
Die zwei Seiten Kambodschas - The Land of Plenty and Nothing
Soo-a s’day und ein frohes neues Jahr, liebe Freunde,
lange habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich meine letzte Reise für euch in Worte fassen kann, denn sie war als mein erster Besuch in einem Entwicklungsland für mich mit vielen Emotionen verbunden: der Bewunderung für die fantastischen Tempel von Angkor, dem Entzücken über die schönsten Strände, die ich bisher gesehen habe, dem Erschrecken über den Genozid unter Pol Pot als Ministerpräsident der Roten Khmer, aber auch der Wut und Trauer über die Armut und Lebensumstände der Bevölkerung. Ihr werdet meine Faszination mit diesem Land auch leicht an der Vielzahl der Fotos ablesen können, die ich in meinem Übereifer in den Bildordner gestellt habe und hier nicht alle für euch einbinden kann. Aber nun taucht mit mir ein in diese mystische Welt des kleinen Königreichs Kambodscha, das die so freundlichen Khmer beheimatet.


Tuktuks und Roller erfreuen sich in Kambodscha größter Beliebtheit, Helme dagegen weniger

Unsere Reise nahm ihren Ausgang in Phnom Penh (ausgesprochen „Nom Pen“), der mit 1,5 Millionen Einwohnern kleinen, aber äußerst geschäftigen Hauptstadt des Landes, das selbst nur etwa 14 Millionen Menschen beherbergt. Da der Tourismus eine Branche ist, in der sich in Kambodscha ein wenig Geld verdienen lässt, sprechen viele Khmer Englisch (obgleich sie es viel schlechter verstehen, wie sich herausstellte). Dabei haben sich die meisten als Autodidakten das selbst angeeignet, was unsereiner durchschnittlich nach neunjähriger Schulausbildung zu Stande bringt. Noch etwas anderes haben die Khmer uns Westlern voraus, denn wie nett zum Beispiel die Rikschafahrer auch dann noch sind, wenn man ihr Angebot „You want tuktuk?“ höflich ablehnt, versetzte mich immer wieder in Staunen. Schnell wurde mir aber klar, dass der Klügere nachgibt, denn die Straßen in Kambodscha sind voller Abgase, dreckig, laut und davon, Bürgersteige zum Gehen zu benutzen, scheint man allgemein nicht viel zu halten.

Wat Phnom
Wat Phnom in Phnom Penh


Heute sind die meisten Khmer Buddhisten

Dass laut Statistik circa ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, spürt man als Tourist besonders dann, wenn man die für Reisende vorgesehenen Gegenden verlässt und mit dem Bus über holprige Sandstraßen vom einen zum nächsten Ort geschaukelt wird, wie wir auf der Fahrt vom südlich-zentralen Phnom Penh zum nördlich gelegenen Siem Reap, das Ausgangspunkt für die Besichtigung der Tempel von Angkor ist. Mir wurde es ganz schwer ums Herz beim Anblick der aus wenigen Wellblechen bestehenden Hütten und der vielen kleinen Kinder, die meist ohne Aufsicht von Erwachsenen die Straße entlang hüpfen. Es verwunderte mich dann nicht so sehr, als ich später in einer Zeitschrift las, dass der Tod durch Ertrinken die zweithäufigste Todesursache bei kambodschanischen Kindern ist. Wenn ich euch nun noch erzähle, dass der Altersdurchschnitt bei 21 bis 22 und die Lebenserwartung bei 59 Jahren liegt, könnt ihr euch vielleicht vorstellen, wie viele dieser süßen Geschöpfe man bei einer Fahrt übers Land, wo mit 80 Prozent der Großteil der Bevölkerung sein Zuhause hat, zu Gesicht bekommt. Aber versteht mich nicht falsch, natürlich entspringt mein Mitleid meiner westlichen Perspektive, und ich muss zugeben, noch nirgends auf der Welt so glückliche Kinder gesehen zu haben. Und jedes Mal, wenn mir wieder eines ein fröhliches „Hello!“ entgegen zirpte und dabei mit der Hand in der Luft herumwedelte (nicht etwa um, wie in Angkor üblich, nach einem Dollar zu fragen), ging mein Herz wieder ein Stück auf.


Waisenkinder am Tonle Sap in Phnom Penh

Straßenansichten
Ein Straßenkiosk - praktisch, die Flaschen links enthalten Benzin für Roller

Wie die von mir verwandte Herzmethaphorik erinnerte mich auch Kambodscha in einem Punkt an China: Die Menschen scheinen überall einen Bekannten oder Verwandten zu haben und wie hier das meiste über Beziehungen zu regeln. Auf diese Weise lernten wir Wuta kennen, den Bruder und späteren Onkel einer Frau aus unserem Hostel in Phnom Penh, der drei Tage lang unser Tuktukfahrer in Siem Reap sein sollte, denn Angkor ist groß und Heimat sehr vieler, unglaublich beeindruckender Tempelanlagen, für deren Beschreibung der Platz hier nicht ausreicht. Auch was ich von der Lektüre des Reiseführers, der jedem einzelnen Tempel in Angkor ein eigenes Kapitel widmet, behalten habe, ist leider nicht viel. Demnach wurden die berühmtesten Tempel von den beiden Königen Suryavarman II (1112-52, u. a. Angkor Wat) und Jayavarman VII (1181-1219, z. B. Angkor Thom) errichtet, wobei die des Letzteren an den Gesichtern Avalokiteshvaras, dem des Königs selbst natürlich sehr ähnlich, erkennbar sind. Jayavarman VII war es auch, der den Buddhismus in das bis dato hinduistische Land brachte. Da sich in den letzten Jahrhunderten der Dschungel immer weiter in die Tempelanlagen geneingefressen hatte, wie man zum Beispiel an Ta Prohm oder, so Wuta, dem Tempel, in dem Tomb Raider gedreht wurde, sehen kann, waren in den letzten Jahrzehnten aufwendige Restaurationsarbeiten notwendig, die glücklicherweise noch nicht abgeschlossen sind, sonst wäre uns ein solch fantastischer Anblick entgangen.


Ta Prohm in den Fängen des Dschungels


Angkor Wat


Das Bayon von Angkor Thom

Tatsächlich stellte sich in den drei Tagen, die für die Besichtigungen eingeplant waren, eine gewisse Tempelmüdigkeit bei uns ein, und wir waren recht zufrieden mit Wutas Vorschlag, eine kleine Bootsfahrt zu unternehmen. Niemals hätten wir uns erträumen lassen, dass sich diese Spritztour als koreanische Geschäftsstrategie, die Armut in Kambodscha zu vermarkten, entpuppen würde. Zu den Hintergründen müsst ihr wissen, dass koreanische Unternehmer (wie übrigens auch chinesische) ganze Häfen und anderen Grundbesitz in Kambodscha erworben haben, um dort eigene Firmen zu betreiben. Für einen Monatslohn von 400 Dollar musste uns nun unser Kapitän – wohl bemerkt für den stattlichen Preis von 40 Dollar – durch die ärmsten Fischersiedlungen Kambodschas geleiten und einen Eindruck von der dort herrschenden Armut vermitteln. Was wir den Einheimischen so gerne schnell verziehen (dass sie uns stets ein wenig übers Ohr hauten), konnten wir dem koreanischen Großkonzern einfach nicht nachsehen. Bedrückt verließen wir nach zwei Stunden das Boot und freuten uns um so mehr auf den nächsten anstehenden Tempelbesuch.

Armut im Fischerdorf
Auf Bootsfahrt durch ein armes Fischerdorf bei Siem Reap

Nach diesem eindrücklichen Abstecher nach Siem Reap führte uns der weitere Weg nach Sihanoukville im Westen des Landes, wo der gemütliche Teil unserer Reise begann. Im nahe gelegenen Otres schipperten wir von Insel zu Insel, aßen das beste und günstigste Essen, holten uns am feinen Sandstrand den ersten Dezembersonnenbrand unseres Lebens und schliefen nun sogar in einem Zimmer mit richtigem Fenster. Anschließend begaben wir uns im an Thailand angrenzenden Koh Kong auf Dschungelsafari, lernten die Mangrovenwälder aus der Außen- und Innenperspektive kennen, aßen frischen Fisch mit Gemüse am menschenleeren Strand von Koh Kong Island und beobachteten das Treiben der Hühner im Sand von Nice Beach, während uns des Nachts die Mücken in ihrer Blutdurstigkeit kaum zur Ruhe kommen ließen. Erst nachdem wir sämtliche Speisen unserer kambodschanischen Strandnachbarn probiert hatten, machten wir uns glücklich auf die lange Rückreise nach Shanghai.

Sonnenuntergang an Nice Beach
Nice Beach in Koh Kong im Westen Kambodschas

Wahrscheinlich werde ich nicht mehr in dieses kleine Land zurückkehren, das mich so verzaubert und gleichzeitig schockiert hat, aber eines hat mich die Reise gelehrt: Glück und Zufriedenheit braucht des Geldes nicht, ein langes Leben dagegen schon. Mit diesem etwas pathetischen Fazit beende ich nun unsere wundersame Reise. Lee-a howy und bis bald!

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Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06
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