| Einmal Shanghai und zurück |
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Sonntag, 22. Juni 2014
Wer tanzt und singt hier eigentlich nicht?
china girl, 20:46h
Kurz vor meiner Reise in die Heimat melde ich mich noch einmal zurück mit der dieses Mal wenig philosophischen, weil eigentlich rhetorischen Frage, warum das Leben nicht nur aus Tanzen und Singen besteht, einer Frage, die mir vor zwei Wochen zwar auch das erste Mal in den Sinn kam, mich seitdem dafür umso brutaler knechtete. Dies ist also die Geschichte, wie ich mich von einer kleinen Durchschnittslehrerin zu einer von der Schulgemeinschaft verstoßenen Philosophin ohne Spezialgebiet wandelte. Ich hoffe, ihr habt ein wenig Zeit mitgebracht.
Es begann mit einer extrem professionellen Aufführung einer von der Schüler-, Lehrer- und Elternschaft, PR, IT, Sponsoren und wer weiß wem getragenen Musicalaufführung der Schule, von der ich selbstverständlich schwer beeindruckt war - beim dritten Zuschauen als arbeitslose Souffleuse (oder auf gut Deutsch "Prompter", mein offizieller Titel), die als solche ein wirklich trostloses Dasein fristete, weil sie sämtliche Wochenendaktivitäten sinnlos vernachlässigte, vielleicht nicht mehr so sehr, aber im Grunde war nicht viel an der Inszenierung auszusetzen. Selbst dass der Dickens'sche Roman abgesehen von den Namen der Figuren aufgrund der mehr als umfangreichen Textkürzungen fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt war, konnte ich nachsehen, schließlich befanden wir uns in einer Schule und produzierten doch keine richtige Kunst. Ich ertappte mich sogar dabei, wirklich stolz die Stimmen meiner kleinen Schützlinge auf der Bühne zu bewundern, wenn auch losgelöst von ihrem körperlichen Einsatz, denn meine Augen waren ja vorbildlich stets auf das Skript gerichtet. Im Nachhinein war mir die Vorstellung dann auch im Vollbildmodus zugänglich, und das sah so aus: ![]() Natürlich hatte die eigentlich so undankbare Rolle der Souffleuse auch ihre Vorteile, denn mir blieb als Einziger das Fremdschämen beim Auftritt des Schulleiters erspart, der nun wirklich nicht mit schauspielerischem oder gesanglichem Talent ausgestattet ist, und die sehr publikumswirksame Trapeznummer eines Lehrers, der durch die Dachluke auf die Piazza herabgelassen wurde, durfte ich gefühlte 60 Minuten lang betrachten - so lange kam mir das Ganze, die drei Abende zusammengerechnet, dann vor, denn das Soufflieren war hier sogar mehr als sonst, wenn es davon überhaupt noch eine Steigerung gäbe, wirklich überflüssig. ![]() Dass ich mich wie eine Teilnehmerin einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme fühlte, darüber möchte ich mich gar nicht beschweren, wohl aber darüber, welche Folgen diese für die Schule sicherlich sehr öffentlichkeitswirksame Aufführung hatte, denn schnell wurde klar, dass die Schüler nun eigentlich keine Zeit mehr für den Unterricht hatten, wie auch, wenn sie an sechs Abenden in der Woche eine Aufführung zu bewältigen hatten, die bis zehn Uhr dauerte, und sie während der Schulzeit noch intensiv proben mussten. Ich möchte es auch den Eltern gar nicht so sehr zum Vorwurf machen, dass sie ihre Kinder mit den fadenscheinigsten Ausreden vom Unterricht befreiten, nur damit sie dann am Abend wieder auf der Bühne stehen konnten. Meinen Missmut über die Aussagen der Lehrer allerdings, dass ich nun bitte verständnisvoller sein solle, da die Schüler beim Musical mehr lernten als im Unterricht, konnte ich dann nicht ganz unterdrücken, denn der Lerneffekt schien zu diesem Zeitpunkt darin zu bestehen, wie man sich am besten für den nächsten Tag krank meldete, selbst wenn in der fünften Stunde Klassenarbeiten geschrieben wurden. Anscheinend war ich die Einzige, die in den letzten Wochen ihre Schüler noch beschulte, selbst schuld! Es dämmerte mir langsam, dass ich den Schulbetrieb hier die ganze Zeit lang falsch verstanden hatte. Nicht dass ihr auf falsche Gedanken kommt, verkappte Künstler sollen hier in Shanghai sicher nicht herangezüchtet werden, vielmehr scheint die Schule der Vorbereitung auf die Öffentlichkeitsarbeit, die Präsenz, die in den Firmenetagen sicherlich erforderlich ist, und der Professionalität im Erfinden von Ausreden zu dienen. Vor diesem Hintergrund war ich dann nicht mehr davon überrascht, dass Schulleiter und Stellvertreter am Ende der mit lustigen Powerpoint-Präsentationen angereicherten Gesamtkonferenz in dieser Woche, bei der von Bildungszielen natürlich nur nebenbei die Rede war, ein trauriges Abschiedslied zum Besten gaben - auch dies natürlich höchst professionell, denn ja, der neue Stellvertreter kann wenigstens singen. Da mich das trotzdem nicht im Geringsten zu rühren vermochte, bin ich halt kein Pudonger, was soll's! ![]() So tappe ich noch eine Woche lang einsam auf den hübschen Fluren des Schulgebäudes und freue ich mich jeden Tag, dass meine Ferien ein Stückchen näherrücken. Und obwohl ich mich hier zurückhalte beim Singen und Tanzen, werde ich gerne mit euch die Beine schwingen, und glaubt mir, das auch ganz unprätentiös! Holidays rock! ... link (0 Kommentare) ... comment ... older stories
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Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06 status
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