| Einmal Shanghai und zurück |
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Sonntag, 8. Juni 2014
Theater auf einer mir unbekannten Sprache
china girl, 16:22h
"Was wir sind, sind wir durch unseren Körper. Der Körper ist der Handschuh der Seele, seine Sprache das Wort des Herzens. Jede innere Bewegung, Gefühle, Emotionen, Wünsche drücken sich durch unseren Körper aus." (Samy Molcho)
Das Zitat im Hinterkopf, machte ich mich am Mittwochabend voller Vorfreude auf den Weg zu meinem ersten Theaterbesuch in diesem nun nicht mehr so fremden Land. Nachdem ich mir mit Lena in der Woche zuvor bereits begeistert meinen ersten Kinofilm hier angesehen hatte, bei dem ich keine Körpersprache lesen musste, sondern nur die englischen Untertitel, wollten wir so unser Kulturprogramm fortsetzen. In Zhang Yimous Film "Coming Home" war es periphär um die Kulturrevolution gegangen und ich die einzige gewesen, die nach Ende des Films, vom plötzlichen Neonlicht überrascht, mit tränenüberströmtem Gesicht nur noch schluchzend den Ausgang des Kinosaals fand. Wie hätte ich auch wissen können, dass der zehnminütige Abspann eines Films hier so wenig geschätzt wird? Dieses Malheur konnte mir im Theater wohl nicht passieren, schließlich sind meine Chinesischkenntnisse offiziell noch immer auf dem Niveau A0 anzusiedeln, und es war anzunehmen, dass die Körpersprache auf der Bühne nicht so direkt auch mein eigenes Seelenleben beeinflussen würde. ![]() Das Charming Theatre Mir ging es dann zunächst wie euch beim Anblick des Theaters von außen, das mit so wenig charmantem Flair gesegnet ist, aber in Shanghai mehr Tradition zu erwarten, hatte ich mir in der Zwischenzeit weitestgehend abgewöhnt. Immerhin hatte ich dieses Mal mehr Zeit, die großstädtische Umgebung und abendlichen Tänze vor dem nahe gelegenen Spielcasino zu bewundern, denn Lena kam das erste Mal zu spät, was uns natürlich nicht davon abhielt, überpünktlich im Theatersaal einzutreffen, der mich dann ein wenig an den des Maxim-Gorki-Theaters erinnerte. ![]() Trotz gründlicher Vorbereitung auf die Vorstellung, denn ich hatte die Zweig'sche Novelle "Brief einer Unbekannten", auf der das Stück basierte, auf einer meiner ewig langen U-Bahnfahrten zur Schule gelesen, war ich etwas überrascht von der Vorstellung, die mich erwartete: ein exakt zweistündiger Monolog! Während also Videocollagen eingeblendet, gekocht, gesungen und sich ausgezogen wurde, saß ich gebannt vor der Bühne, damit beschäftigt, jegliche Hinweise zu sammeln, die mir halfen, das Dargestellte in den Handlungszusammenhang einzuordnen, was mir abgesehen von der Kochzeremonie auch erstaunlich gut gelang. Dass manche Zuschauer während der Aufführung den Saal verließen, führte ich weniger auf die musikalischen Einlagen zurück als darauf, dass das Stück wohl einfach zu modern für den Geschmack des Durchschnittsbürgers war. Ich jedenfalls genoss die Vorführung trotz der immer wieder grell aufleuchtenden Handybildschirme im Publikum und der am Anfang kitschigen, weil mit rosa Scheinwerferlicht untermalten Gesangseinlagen, und freute mich am Ende darüber, das ein oder andere tatsächlich verstanden zu haben. Im anschließenden Gespräch mit Lena wurde mir schnell klar, warum die Vorführung wohl nicht jedem gefallen hatte, und ich war sehr traurig darüber, meinen Lehrgang im Gebrauch vulgärer Sprache vollständig verpasst zu haben - nicht, dass ich eine solche Aktualisierung der Novelle im Sinne des Maxim-Gorki-Theaters hier erwartet hätte! Im Nachhinein kam ich mir unglaublich dumm dabei vor, so im Zuschauerraum vor mich hingeschwelgt zu haben, während auf der Bühne allerlei Ungehobeltheiten freien Lauf gelassen wurde, und wieder einmal erkannte ich, wie viel ich noch lernen muss, um diese Kultur besser zu verstehen. Während ich in der nächsten Woche also an meiner chinesischen Umgangssprache arbeiten und an drei Abenden bei der Aufführung des übertrieben aufwendig inszenierten Schulmusicals soufflieren werde, geht ihr hoffentlich sämtlichen Vulgarismen aus dem Weg und genießt ihr im Freien euren wohlverdienten Feierabend! Bis bald wieder! ... link (2 Kommentare) ... comment ... older stories
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