Einmal Shanghai und zurück
Mittwoch, 21. Mai 2014
Warum nur der Wankelmut?


Ihr wundert euch, dass ich schon wieder einen Blogeintrag geschrieben habe, und fragt euch langsam, ob ich überhaupt noch etwas anderes mache, als alle meine Gedanken für euch in schriftliche Form zu pressen? Ich kann euch beruhigen, ja, ich mache sogar mehr als jemals zuvor, lerne ein wenig Chinesisch, gehe trotz minderer Begabung regelmäßig zum Yoga, aber weil man vor Überraschungen der zeitaufwendigen Art hier ja nie gefeit ist, gibt es immer etwas Neues zu berichten. Und da Putin an diesem Mittwoch zur "Sicherheitskonferenz über Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien" (CICA) in Shanghai residiert, um sich mit einem roten Schleifchen schmücken zu lassen, bleibt die Schule geschlossen und habe ich ein wenig Zeit, euch von den Ereignissen der letzten Wochen zu berichten, die mich in helle Aufregung versetzten.

Es begann ganz harmlos damit, dass ich vor einem Monat in meiner Wohnung wieder einmal kein Internet mehr hatte und mich nach langer Zeit bei meinem Makler Noel meldete. Dabei brachte ich nicht nur in Erfahrung, dass ich vergessen hatte, eine Telefonrechnung zu bezahlen, sondern auch, dass meine Vermieter planten, meine Wohnung zu veräußern und jeden Sonntag Kaufinteressenten durch meine privaten Gemächer zu führen. Da ich zwischenzeitlich nicht auf dem Handy erreichbar gewesen war, hatte Noel diesen Wunsch zunächst zurückweisen können, wofür ich ihm im Nachhinein sehr dankbar war. Nach wenigen Tagen Bedenkzeit hatte ich mich immer noch nicht mit der Aussicht, jeden Sonntag aufräumen zu müssen, um regelmäßig reiche Wohnungsinteressenten mit meinem schönsten "Expat"-Lächeln begrüßen zu können, angefreundet, weshalb ich mich dafür entschied, in den sauren Apfel zu beißen und schon jetzt nach einer neuen Bleibe Ausschau zu halten.



Meine erste Anlaufstelle war wie gewöhnlich Noel, der mir prompt eine etwa 35 qm große Wohnung in meinem Kiez zeigte, die 15000 Yuan (etwa 1750 Euro!) kosten sollte, natürlich auf Verhandlungsbasis. Zwar war die Wohnung selbst superschick, doch konnte ich einfach nicht glauben, dass man für mein Budget von 9500 Yuan (circa 1100 Euro) nicht etwas Größeres finden konnte, auch wenn Shanghai seit Neuestem zu den 10 teuersten Städten der Welt zählt und sogar New York den Rang strittig macht. Als ich Noel meine Zweifel mitteilte, begann er zu jammern, dass mein Budget viel zu niedrig sei, und bestätigte damit meine Annahme, ihm nicht wirklich vertrauen zu können, man hatte schließlich schon hier und dort von den Machenschaften der Immobilienhaie gehört, und ich machte mich auf die Suche nach einem neuen Makler.

Ich wurde schnell fündig. Simone, meine Mitschülerin, empfahl mir Angela, die sich als wahrer Glücksgriff erwies. Letzten Freitag setzte sie mich auf ihren Elektroroller und wir machten uns über die Bürgersteige der Nachbarschaft auf den Weg zu sämtlichen Wohnungen, die sie spontan aufgetrieben hatte. Es war dann auch eine dabei, die tatsächlich größer war als die anderen und in einem chinesischen Compound gelegen war (so nennt man die Hochhäuser hier), aber mit 12000 Yuan noch deutlich über meinem Budget war. Angela ging also in Verhandlung mit dem Vermieter und ich kontaktierte sicherheitshalber schon Noel, um nach dem Brief meiner Vermieter zu fragen, in dem sie mir den vorzeitigen Auszug auch schriftlich genehmigten. Doch was musste ich da erfahren? Plötzlich sollte ich, statt wie angekündigt eine Monatsmiete für meinen frühzeitigen Auszug zusätzlich zu erhalten, 1500 Yuan dafür zahlen, dass meine Vermieter, angeblich um mir das Leben zu erleichtern, bereits eine Rechnung für die kommenden drei Monate an die Schule geschickt hatten. Wütend machte ich mich also auf den Weg zu Kai, den zuständigen Sachbearbeiter in meiner Schule, der mir erklärte, dass diese Forderung insofern ihre Berechtigung habe, als dass Eigentümer in China bei der Rechnungsstellung immer 5% der Miete an das Finanzamt abgeben müssten. In der Zwischenzeit hatte ich bereits die ernüchternde Nachricht erhalten, dass die schöne Wohnung an einen Höherbietenden vermietet worden und die ganze Aufregung umsonst gewesen war.

Im chinesischen Yogastudio in der Maoming Lu Ecke Julu Lu
Im chinesischen Yogastudio in der Maoming Lu

Im Nachhinein wundere ich mich schon, wie schnell ich mich von Makler und Vermieter betrogen gefühlt hatte. Führt das Wissen darüber, dass alles verhandelbar ist und die Mieten hier immer weiter in die Höhe getrieben werden, dazu, dass ich hinter allem gleich üble Machenschaften vermute? Wie kann man als Ausländer in solch einem System überhaupt jemandem auch nur ansatzweise vertrauen? Wahrscheinlich muss ich mich damit abfinden, in China immer als der reiche "Expat" betrachtet zu werden, der für das meiste einfach mehr zahlen muss als der durchschnittliche Chinese. Auch sollte ich mich endlich daran gewöhnen, dass Entscheidungen hier selten so endgültig sind, wie sie scheinen, und wie ein echter Yogi die Dinge entspannter sehen. Ich muss definitiv noch ein bisschen üben!

Von meiner Couch aus, die mir für die nächsten drei Monate vorerst wohl noch sicher sein wird, wünsche ich euch ein wunderschönes, sonniges Wochenende ganz ohne chinesischen Wankelmut und sage ein weiteres Mal "Zàijiàn"!

... link (0 Kommentare)   ... comment


Online seit 4512 Tagen
Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06
status
Menu
Suche
 
Kalender
Mai 2014
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
15
16
17
18
19
20
22
23
24
25
26
27
28
29
31
 
 
Letzte Aktualisierungen
Nachtrag zum Thema Akupunkturstudien
Mit Nadeln und Moxa bei Dr. Wang
by china girl (2015.08.12, 02:06)
Haha, auf den ersten...
… hab ich "für uns Wrestler" gelesen :)...
by doctor wong (2015.07.17, 03:47)
Von schönen Geishas,...
門前の小僧習わぬ経2434;読む 290;(Mon...
by china girl (2015.07.16, 16:14)
Man soll Abschiede so...
Was für eine turbulente Woche war das doch! Nachdem...
by china girl (2015.07.16, 16:04)
Glücklicherweise...
Seid gegrüßt, ihr treuen Leser meines vernachlässigten...
by china girl (2015.07.16, 16:00)

xml version of this page

made with antville