| Einmal Shanghai und zurück |
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Montag, 27. Januar 2014
Body & Soul oder Die Kraft des Glaubens an die chinesische Medizin
china girl, 19:07h
Der Euphorie der ersten Monate in Shanghai beraubt und um einen Winterschlaf unter einer wärmenden Klimaanlage bereichert, steht mir endlich der Sinn danach, euch meinen ersten Arztbesuch in China zu schildern. Etwas enttäuscht war ich zu erfahren, dass es der Heilung meiner Erkältungsbeschwerden keiner stärkeren Mittelchen bedürfe als ein paar Teebeutelchen,
![]() Okay, sieben mal zehn Teebeutelchen denn welchen Sinn hatte es dann gehabt, den für mich so elementar wichtigen Chinesischkurs ausfallen zu lassen und den weiten Weg von der Schule zur auf westliche Kunden mit Glauben an östliche Medizin ausgerichteten Praxis im Stadtzentrum auf mich zu nehmen, bei dem ich fünf U-Bahn-Stationen zu weit fuhr und mir doch ein Taxi nahm, um nur eine halbe Stunde zu spät in der Arztpraxis einzutreffen und eine zweiseitige Einverständniserklärung auszufüllen, in der ich dafür garantierte, jegliche Kosten sofort zu begleichen, auch jene, die durch Verspätungen entstehen (aber das nimmt hier ja glücklicherweise dann doch keiner so genau)? War ich zur Hypochonderin mutiert, die sich die für die Winterzeit typische Grippe als Relikt ihrer Herkunft nur herbeigesehnt hatte? Möglich, aber leider ist mit diesen philosophischen Fragen nun die Reihenfolge etwas durcheinander geraten und ich beginne noch einmal von vorne. In der Arztpraxis angekommen, saß ich zunächst ganze zehn Minuten lang mit einem Tee auf einer an ein Aquarium angrenzenden Couch und fühlte mich abgesehen von dem Papierkram wohler (und wärmer) als in meinem eigenen Wohnzimmer. Ich ließ die Einfachheit Revue passieren, mit der ich diesen Arzttermin vereinbart hatte: Eine kurze Email auf Englisch am Morgen hatte genügt, um diesen gemütlichen Platz neben den womöglich glücklichsten Fischen Shanghais zu ergattern. Für mein Gefühl wurde ich dann leider etwas zu schnell bei einer deutschsprachigen Ärztin vorgelassen, die unermüdlich chinesische Zeichen auf Papier kritzelte und der ich wie nebenbei sämtliche andere angesammelte Leiden klagte, damit sich der Arztbesuch auch lohnte. Ungemein friedlich gestimmt war ich auch dann noch, als sie die im Gesundheitszeugnis vermerkten Gallensteine mit einem "Dann trinken Sie einfach nicht so viel Weißwein!" wenig einfühlsam abschmetterte. Erst als sie meinen im Vergleich zu den hier kursierenden Lungenentzündungen lächerlichen Virusbefall per Blutabnahme zu testen gedachte, war mir etwas ungemütlich zumute, und ich konnte den kleinen Pieks in den Zeigefinger, der weitaus weniger schlimm war als die in Deutschland übliche Armbeugenprozedur, weder mit herzerweichendem Gejammer noch mit aussagekräftigen Argumenten abwehren. Es kam mir dann doch wirklich unverhältnismäßig vor, dass mir in der anschließenden Runde neben der deutschen noch eine chinesische Ärztin gegenüber saß, die, mir am Arm herumtastend, dieselben Fragen wie zuvor nun auf Chinesisch stellte, die Antworten jedoch nicht von mir, sondern von der Deutschen erhielt, die anscheinend gut aufgepasst hatte, alle Fragen richtig beantwortete und sogar um die Erkenntnis erweiterte, dass ich eine Grüblerin sei, man könne dies an meiner Zunge erkennen. Nicht an einem meiner Körperteile abzulesen waren wohl meine Zweifel an der etwas aufwendig gestalteten Untersuchungsmethode, deren Ergebnis euch bereits zu Beginn des Eintrages unterbreitet wurde. (Am Spannungsbogen muss ich wohl weiter arbeiten.) Die Rezeptur für meine Gesundung bzw. für eine einzige Tasse Tee, deren Zubereitung mehr Zeit in Anspruch nahm als der Verzehr des Gebräus, und dies glücklicherweise, denn die Einnahme war kein Geschmackserlebnis erster Klasse, konntet ihr auch bereits bewundern. Der Natur meiner weniger schweren Erkrankung und dem Glauben an die Wirkung des Heiltees geschuldet ist wohl meine Genesung, die etwa eine Woche in Anspruch nahm, in der ich nicht die Ärztin wie von ihr angeboten mit Emails überhäufte, keine einzige Schulstunde versäumte und mich brav jeden Tag um 5 Uhr mit einem guten Buch ins Bett legte. Immerhin kam ich so in den Genuss meiner ersten Murakami-Lektüre, die ich in Zukunft sicher noch ausweiten werde, und sei es nur darum, mir ein wenig Schnee in das für meinen Geschmack in der Winterzeit zu sonnige Shanghai zu holen. Gegrübelt hab ich nur wenig. Wenn ihr nun einmal wieder auf rutschigen Bürgersteigen zur S-Bahn schlittern solltet, die aufgrund der Witterungsverhältnisse nur im Halbstundentakt fährt, den Schnee und den Berliner Winterdienst wie jedes Jahr verfluchend, oder gar mit einer richtigen Grippe das Bett hüten müsst, denkt an mich und daran, wie gern ich vor einer Woche noch mit euch getauscht hätte! Ich melde mich wieder mit einem Bericht vom Frühlingsfest und wünsche euch für die Zwischenzeit einen guten Rutsch! ... link (2 Kommentare) ... comment ... older stories
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Letzte Aktualisierung: 2015.08.12, 02:06 status
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